Adoleszenz
Die Adoleszenz bezeichnet den Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter. Sie beginnt biologisch mit der Pubertät und endet gesellschaftlich mit der Übernahme von Erwachsenenrollen, weshalb ihr Ende weit weniger klar bestimmbar ist als ihr Anfang. Die Weltgesundheitsorganisation fasst unter dem Begriff das Alter von zehn bis neunzehn Jahren. Charakteristisch sind drei parallele Entwicklungen: die körperliche Reifung, ein tiefgreifender Umbau des Gehirns und die schrittweise Ablösung vom Elternhaus.
Begriff und Abgrenzung #
Das Wort geht auf das lateinische Verb für heranwachsen zurück. Umgangssprachlich werden Adoleszenz und Pubertät oft gleichgesetzt, fachlich bezeichnen sie Unterschiedliches: Die Pubertät ist der körperliche Reifungsvorgang, der mit der Geschlechtsreife abgeschlossen ist. Die Adoleszenz umfasst darüber hinaus die psychischen und sozialen Entwicklungen und dauert deutlich länger.
Die Entwicklungspsychologie unterscheidet häufig eine frühe Adoleszenz mit dem Schwerpunkt der körperlichen Veränderungen, eine mittlere mit der Zuwendung zur Gleichaltrigengruppe und eine späte, in der Berufswahl, Partnerschaft und die endgültige Ablösung im Vordergrund stehen. Manche Autoren sprechen für die Zeit zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr von einer verlängerten Übergangsphase, weil sich Ausbildungswege verlängert und Familiengründungen nach hinten verschoben haben.
Körperliche Entwicklung #
Den Anstoß gibt die vermehrte pulsatile Ausschüttung des Gonadotropin-Releasing-Hormons im Hypothalamus. Über die Hirnanhangdrüse regt sie die Keimdrüsen zur Produktion von Sexualhormonen an. Es folgen die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale, ein Wachstumsschub und Veränderungen der Körperzusammensetzung. Zur Beschreibung des Reifungsstands dienen die von James Tanner beschriebenen Stadien.
Der Zeitpunkt des Eintritts streut erheblich und wird von genetischen Faktoren, Ernährungszustand und Körpergewicht beeinflusst. In Industrieländern hat sich der Beginn der Pubertät über das zwanzigste Jahrhundert nach vorn verschoben, ein als Akzeleration bezeichnetes Phänomen, das überwiegend auf verbesserte Ernährungs- und Gesundheitsbedingungen zurückgeführt wird.
Entwicklung des Gehirns #
Das Gehirn ist bei Beginn der Adoleszenz zwar nahezu ausgewachsen, aber keineswegs fertig organisiert. Zwei Vorgänge prägen die Phase: Zum einen werden selten genutzte Synapsen abgebaut, während häufig genutzte Verbindungen gestärkt werden. Zum anderen schreitet die Myelinisierung voran, die Nervenfasern isoliert und die Signalgeschwindigkeit erhöht.
Diese Umbauten verlaufen nicht gleichmäßig. Bereiche, die Belohnung und Emotion verarbeiten, reifen früher als der präfrontale Kortex, der für Impulskontrolle, Planung und Abwägung zuständig ist und dessen Entwicklung bis in die zwanziger Jahre andauert. Aus dieser zeitlichen Schere erklärt sich ein Teil der erhöhten Risikobereitschaft Jugendlicher, insbesondere in Gegenwart Gleichaltriger. Wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um eine statistische Tendenz, nicht um ein Defizit, und die Formbarkeit des Gehirns in dieser Phase ist zugleich eine Chance für Lernen und Prägung.
Psychische und soziale Entwicklung #
Erik Erikson beschrieb die zentrale Aufgabe der Adoleszenz als Bewältigung des Spannungsfeldes zwischen Identität und Rollendiffusion: Aus Erfahrungen, Zuschreibungen und Entwürfen soll ein tragfähiges Selbstbild entstehen. Praktisch zeigt sich das im Erproben von Stilen, Überzeugungen und Zugehörigkeiten.
Die Gleichaltrigengruppe gewinnt an Bedeutung, ohne dass die Eltern ihre Rolle verlören; Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche sich bei Alltagsfragen stärker an Gleichaltrigen, bei Grundsatzfragen wie Ausbildung oder Werten weiterhin an den Eltern orientieren. Konflikte im Elternhaus häufen sich in der frühen Adoleszenz, betreffen jedoch überwiegend Alltagsthemen und bedeuten selten einen Bruch der Beziehung.
Gesundheit in der Adoleszenz #
Die Adoleszenz gilt körperlich als gesunde Lebensphase; die Hauptrisiken sind nicht Krankheiten im engeren Sinn, sondern Unfälle sowie Belastungen der psychischen Gesundheit. Viele psychische Erkrankungen zeigen sich erstmals in dieser Zeit, weshalb Fachgesellschaften die Adoleszenz als wichtiges Fenster für Prävention und frühe Hilfen betrachten. Zugleich werden in dieser Phase Gewohnheiten in Ernährung, Bewegung und Schlaf angelegt, die bis ins Erwachsenenalter fortwirken.
Der Schlaf-Wach-Rhythmus verschiebt sich in der Adoleszenz biologisch nach hinten. Da Schulzeiten dieser Verschiebung meist nicht folgen, entsteht ein regelmäßiges Schlafdefizit an Schultagen; dies ist ein Argument in der fachlichen Debatte um spätere Unterrichtsbeginne.
Rechtliche und gesellschaftliche Einordnung #
Rechtsordnungen ziehen mehrere gestufte Grenzen, die selten zusammenfallen: Straffähigkeit, Geschäftsfähigkeit, Volljährigkeit und die Erlaubnis zum Erwerb bestimmter Waren liegen in vielen Staaten auf unterschiedlichen Altersstufen. Das deutsche Jugendstrafrecht kann auf Heranwachsende bis zum vollendeten einundzwanzigsten Lebensjahr angewendet werden, wenn deren Entwicklungsstand dem eines Jugendlichen entspricht. Solche Regelungen spiegeln die Einsicht, dass Reife kein Zustand ist, der an einem Geburtstag eintritt.
Kulturvergleichend ist die Adoleszenz als eigene Lebensphase keine Selbstverständlichkeit. In Gesellschaften mit früher Übernahme von Erwerbs- und Familienrollen fällt der Übergang kürzer aus, teils markiert durch Initiationsriten. Die ausgedehnte Adoleszenz moderner Industriegesellschaften hängt eng mit langen Bildungswegen zusammen.
Forschungsgeschichte #
Als Begründer der wissenschaftlichen Beschäftigung gilt der Psychologe Granville Stanley Hall, der die Phase 1904 in einem zweibändigen Werk beschrieb und sie als Zeit von Sturm und Drang deutete. Spätere Untersuchungen, unter anderem die Feldforschung Margaret Meads, relativierten diese Sicht und betonten kulturelle Unterschiede. Die heutige Forschung verbindet Entwicklungspsychologie mit bildgebender Hirnforschung und beschreibt die Adoleszenz weniger als Krise denn als Phase erhöhter Formbarkeit.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation: Adolescent health, Definition der Altersgruppe 10 bis 19 Jahre.
- Laurence Steinberg: Adolescence. McGraw-Hill, aktuelle Auflage.
- Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Beltz, aktuelle Auflage.
- Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus. Suhrkamp.
- Granville Stanley Hall: Adolescence. Its Psychology and Its Relations to Physiology, Anthropology, Sociology, Sex, Crime, Religion and Education. New York 1904.
- Jugendgerichtsgesetz (Deutschland), § 105 zur Anwendung des Jugendstrafrechts auf Heranwachsende.